|
1. Grundidee und Machart des Buches
Das Buch richtet sich an alle Betroffenen, also an die breite Öffentlichkeit:
vor allem an Eltern, reifere Schüler, Studenten, Lehrerkollegen aller
Ausbildungs- und Bildungseinrichtungen bis hin zu den Hochschulen, an
Bildungspolitiker, an Medienvertreter. Es kommt dabei nicht nur darauf
an, dass diese Zielgruppen Bescheid wissen. Es geht um Konsequenzen.
Geboten werden Antworten auf folgende Fragen: 1. Wie geht es an den
Gymnasien wirklich zu? 2. Welche Gründe gibt es dafür? 3. Wie
wirken sich diese Zustände auf einzelne Schüler aus und wie
auf die anderen Schularten, auf die Hochschulen, auf die Berufsausbildung
und überhaupt auf die Gesellschaft? 4. Was müssen wir also ändern?
Die Darstellung bewegt sich abwechselnd auf vier Ebenen: Es geht um
Lehrererlebnisse mit zahlreichen (natürlich anonymen) Fallbeispielen
(1), um Aussagen anderer Buchautoren (2), um die Behandlung der Probleme
in Zeitschriften und anderen Medien (3) - und schließlich um eine
kritische Würdigung des Befunds im Sinne des Buchtitels (4).
Auf den Prüfstand kommen dabei zahlreiche Schlagwörter, die
seit Jahren - und auch noch nach PISA - als einfache Lösungen angepriesen
werden, zum Beispiel: Lehrplanentrümpelung, Praxisorientierung, Schlüsselqualifikationen,
freier Unterricht, Freiarbeit, humane Schule (ohne Noten- und Leistungsdruck),
Schulzeitverkürzung. Sind Schulmanager die Antwort auf die Probleme?
Helfen uns Schulen, die zu Dienstleistungsbetrieben umgewandelt werden?
Kommt das Heil von Gesamtschulen? Von Ganztagsschulen? Heißt die
Devise jetzt "Laptop statt Schulranzen"?
Wie wirkt es sich auf unsere Kinder aus, wenn wir ihnen weiterhin Orientierung
(auch in Form von Grenzziehungen und begabungsgerechten Anforderungen)
verweigern? Was ist die eigentliche Aufgabe der Schule, was die des Gymnasiums?
|
|
3. Leseproben
Im Hinblick auf meine Kollegen weiß ich am sichersten, daß
die hier beschriebenen Zustände bekannt sind, zumindest bei den Gymnasiallehrern.
Alle erleben es selbst, mit gewissen Abwandlungen. Die Frage ist, wie
wir mit diesen Tatsachen in Zukunft umgehen. Was die grundsätzlichen
Probleme betrifft, haben wir alle zu lange geschwiegen. ... Es wird immer
mehr "Ballast" über Bord geworfen, sei es nun per Lehrplan
oder inoffiziell, indem man den nicht einzuhaltenden Lehrplan einfach
unterläuft. Und es soll bitte niemand glauben, daß es nach
einer Abschaffung (bzw. einem Selbstmord) der Klassischen Sprachen ein
Ende des Entrümpelns geben würde. Dann kommt Goethe dran, aber
auch die moderne Dichtung, Mozart, die überflüssige Geschichte
vor dem 20. Jahrhundert (oder vor 1945!). Was nützt einem im Beruf
noch ein Pantoffeltierchen, ein Parallelogramm, eine Plastik von Rodin,
ein lyrisches Gedicht, womöglich auch noch in Englisch, einer Sprache,
die ja schließlich zum Reden da ist! Und was hat man später
von der Auseinandersetzung mit religiösen oder ethischen Fragen?
Vielleicht wird unser Schüler später einmal als Gentechniker
Patente auf Menschen verkaufen und damit ein gutes Geld machen, dann weiß
er doch eh' schon, was er will und sollte nicht durch Skrupel in seiner
Berufstüchtigkeit behindert werden. Und wenn dann selbst noch in
Fächern wie Religion und Ethik Wissen von einem verlangt wird, dann
ist das zu viel verlangt. Dann wird's höchste Zeit, solche Fächer
abzuschaffen. Diskutieren ginge ja noch.
Wir Lehrer sitzen alle zusammen in der Gondel eines großen Ballons,
der bedrohlich rasch absinkt. Nun werfen wir alles, was wir noch haben,
als Ballaststücke über Bord, eins nach dem andern, zuerst das,
was scheinbar am ehesten zu entbehren ist. Aber wir sinken trotzdem, sogar
immer schneller. Zu spät wird dann vielleicht nach der Katastrophe
festgestellt, daß der Ballon abstürzen mußte, weil er
ein Loch hatte, aus dem sämtliches Gas entwich. Ist dieses Loch absichtlich
hineingebohrt worden? Zumindest muß es Leute gegeben haben, die
es nicht rechtzeititg bemerken wollten, denn es war eigentlich gut sichtbar.
(S. 13/14)
In einer siebten Gymnasialklasse hat ein Kind bei der Inhaltsangabe eine
schwache Arbeit abgegeben. Zur Sprechstunde erscheint der Vater und zeigt
sich über diese Note äußerst erstaunt und befremdet. Das
Kind habe doch einen so schönen und phantsievollen Aufsatz geschrieben.
Der Lehrer erklärt, daß es bei der Inhaltsangabe auf Sachlichkeit
ankomme, auf die Fähigkeit, das Wesentliche eines vorgegebenen Textes
zusammenzufassen und im Zusammenhang darzustellen (übrigens eine
der wichtigsten Fähigkeiten im Berufsleben, eine Art "Schlüsselqualifikation").
Die phantasiebetonten Stilformen, so der Lehrer weiter, seien Gegenstand
der letzten Schulaufgabe gewesen und nun abgeschlossen. Das könne
man bedauern; andererseits sei es sinnvoll und notwendig, daß die
Dreizehnjährigen nun nach wochenlanger Übung auch den Unterschied
zwischen diesen Stilformen erfaßten, nicht wegen der Theorie, sondern
weil sie verschiedene Wahrnehmungs- und Wirklichkeitsbereiche des Lebens
bewußt erfahren sollten. (Übrigens hat dieses Kind auch beim
phantasiebetonten Aufsatz, bei dem sehr hübsche und beeindruckende
Arbeiten geliefert wurden, Bescheidenes geboten.) Der Vater interessiert
sich weder für den Lehrplan noch für irgendwelche anderen Erklärungen,
die ihn nicht bestätigen: Sein Kind habe einen ganz originellen Aufsatz
geschrieben und könne dafür doch nicht ... Als der Vater geht,
er ist Akademiker, spürt der Lehrer, daß er jetzt einen Gegner
"gewonnen" hat; da ist einer, gegen dessen Unsachlichkeit und
Empörung er seine Arbeit und seine Person verteidigen muß und
nicht verteidigen kann. (S.78/79)
Ein Kollege erinnert sich an einen Elternabend, in dessen Verlauf einige
Eltern darüber klagen, die Kinder fühlten sich vom Lehrer überfordert.
Nach einiger Zeit meldet sich eine Mutter zu Wort, deren Unmut sich nicht
gegen diesen Kollegen und seinen Unterricht richtet, sondern gegen die
Lehrkraft des Vorjahrs. Das sei kein Wunder, daß die Kinder nichts
könnten und sich so schwertäten. Sie habe sich das ganze letzte
Schuljahr darüber geärgert, daß ihrem Kind so wenig beigebracht
und abverlangt worden sei. Schon bald habe sie Schlimmes für spätere
Jahre befürchtet. Selten hätten die Schüler eine anständige
Hausaufgabe bekommen, und als Lernstoff für die Schulaufgabe sei
jeweils eine läppische Anzahl von Kapitelchen aus den letzten Tagen
angegeben worden, auf die man sich dann auch beschränkt habe. Kontinuität
und Verbindlichkeit habe es in diesem Hauptfach nie gegeben. Vor allem
habe diese Lehrkraft sich auch ganz offen dazu bekannt, daß sie
"Leistungsdruck" und "Elitedenken" ablehne. (Man beachte,
wieviel Mut eine solche Stellungnahme in einer Elternversammlung erfordert,
vor allem, wenn zuvor schon eine ganz bestimmte Stimmung erzeugt worden
ist.) Der Kollege ... weiß ..., daß die Vorwürfe dieser
Mutter mehr als berechtigt sind. (S.97)
Die wichtigste Frage, mit der sich eine ersthafte Reform beschäftigen
muß, ist die nach dem Anforderungsniveau des Gymnasiums. Man kann
nicht oft genug betonen, daß es eine Lösung der Probleme gibt,
und zwar eine Lösung, die im wesentlichen kein Geld kostet, sondern
nur Entschlossenheit. Den Schlüssel haben die Gymnasiallehrer in
der Hand. Jeder, der über die Bildungsmisere an den Hochschulen oder
anderswo klagt und nicht zugleich die Gymnasien ins Visier nimmt, ist
entweder nicht informiert, oder er lenkt bewußt ab. Wer die anderen
Probleme in Angriff nehmen will, beispielsweise im Hochschulbereich die
Didaktik oder die Bürokratie, wird nicht weit kommen, solange die
Zustände an den Gymnasien noch dieselben sind.
Wir müssen zu dem Prinzip zurückkommen, das mit Abstand das
demokratischtste ist und die höchste (relative) Chancengleichheit
bietet: zum Leistungsprinzip. Dazu gehört eine möglichst frühe
Differenzierung und Auslese, die im Interesse aller ist. Dabei befinden
ausschließlich Lehrer, und zwar Kollegen aus Grundschule, Realschule
und Gymnasium, darüber, welche Kinder den Kriterien für den
Übertritt an eine höhere Schule entsprechen, und welche nicht.
Die Kriterien müssen wesentlich strenger sein als bisher, zumindest
in der Praxis, aber meist auch den theoretischen Vorgaben nach. Man denke
nur an die Rechtschreibung. Auch die Leistungsanforderungen für den
weiteren Besuch von Realschule oder Gymnasium müssen spürbar
angehoben werden. Oft wäre allein schon mit einer realistischen oder
etwas ehrlicheren Notengebung viel erreicht. Was ungenügend oder
mangelhaft ist, kann nicht "ausreichend" oder "noch befriedigend"
sein, und eine gute Leistung in der Kollegstufe kann man auch mit 11 oder
12 Punkten anstatt mit der Höchstzahl von 15 Punkten honorieren.
Auch die mündlichen Noten müssen wieder eine pädagogische
Funktion bekommen und ausdrücken, was der Schüler nach Einschätzung
des Lehrers tatsächlich kann. ...
Wenn die Gymnasiallehrer und entsprechend auch die Realschullehrer sich
zu dieser pädagogischen Verpflichtung bekennen, kann es keine weiteren
Konkurrenzkämpfe um Schulkunden geben, und sämtliche anderen
Bildungseinrichtungen werden ihre Aufgaben ebenfalls wieder einigermaßen
sinnvoll erfüllen. Haupt- und Realschulen müssen dann kein Restschul-Dasein
mehr fristen, und die Hochschulen werden sich nicht länger mit Scharen
von Abiturienten herumschlagen, die weder studierfähig noch studierwillig
sind. ...
Ein gymnasiales Anspruchsniveau verlangt verbindliches Wissen. Wir brauchen
eine Verschulung unserer Schulen. Diese Forderungen beziehen sich auf
die Art des Lernens und auf das Verhältnis zum Wissen. Die Kinder
müssen sich wieder etwas einprägen, unter anderem durch Auswendiglernen,
und zwar in allen Fächern. Des weiteren müssen sie wieder einen
Sinn dafür entwickeln, daß Kenntnisse eben nicht nur aus Fakten
bestehen, sondern auch aus Zusammenhängen - die freilich Fakten voraussetzen,
und dafür, daß Wissenselemente aufeinander aufbauen, weshalb
große Wissenslücken, die nicht geschlossen werden, einen wirklichen
Lernprozeß unmöglich machen, zumindest in Kernfächern
wie in den Fremdsprachen. Es ist also völlig widersinnig, in solchen
Fächern zu unterscheiden zwischen einem Grundwissen, das man immer
verlangen kann, und einem Kurzzeitwissen, das im Extemporale nur abgefragt
werden darf, wenn es in der vorausgegangenen Stunde "dran" war.
Selbstverständlich gibt es auch in den sogenannten Lernfächern
(oder "Nebenfächern") noch kein Wissen, wenn die Einzelheiten
nicht eingeordnet werden können und nach einer weiteren Unterrichtsstunde
wieder vergessen werden dürfen. Man denke etwa an Geschichte. Hier
müssen also Bestimmungen geändert werden. (S. 307/308)
|